Ich möchte an dieser Stelle ehemals entfremdete Kinder zu Wort kommen lassen, die inzwischen dabei sind, ihre Traumata aufzuarbeiten und die ihr Schicksal als Lebensaufgabe erkannt haben.
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Tochter, 31
Ich war ca. 1 Jahr alt, als mein Vater uns verließ. Natürlich erinnere ich mich nicht mehr, aber seit diesem Tag wurde mein Leben nachhaltig geprägt.
Meine Mutter lernte zu diesem Zeitpunkt einen anderen Mann kennen, der unbedingt mein Vater sein wollte. Und so war er das bis ich 11 Jahre alt war. Bis zu dem Tag als ich in einem Chatverlauf meiner Mutter ein Gespräch mit einem Mann fand, der unbedingt Bilder von mir wollte und meinte, ich wäre auch seine Tochter.
Eine Welt brach bei mir zusammen. Und doch hatte ich es mein Leben lang gespürt, dass etwas nicht stimmte.
Als mein nicht leiblicher Vater dies erfuhr, distanzierte er sich von mir. Er wollte immer eine Tochter, bekam eine eigene und so war unser Verhältnis nach 10 Jahren vorbei.
Mein Verhältnis mit meiner Mutter war nie gut. Es war von Gewalt, Vernachlässigung und emotionaler Abwesenheit geprägt. Und jedes Mal, wenn ich den Vater anrief, von dem ich dachte, er wäre mein leiblicher Vater und ihn anflehte, mich zu ihm zu holen, sagte er immer nur wiederholt, er könne es nicht. Rückblickend weiß ich, wieso.
Als ich den Kontakt zu meinem leiblichen Vater aufnahm, erzählte er mir seine Version der Geschichte und diese war eine ganz andere. Auch unser Nachbar, zu dem er mich schickte, erzählte mir die gleiche Version. Meine Familie wollte ihn nicht mehr und sie untersagten ihm aktiv den Kontakt zu mir. Er versuchte es noch lange, bis er sich entschied, seinem Traum zu folgen und auszuwandern.
Ich wusste viele Jahre nicht, wem ich glauben sollte, meiner Familie oder ihm. Er bemühte sich auch nicht viel
um den Kontakt zu mir und so brach dieser nach einer wuterfüllten Nachricht von mir ab.
Mit 10 Jahren hatte ich versucht, Hilfe beim Jugendamt zu bekommen, vergeblich. Ich hatte niemanden, keine Bezugsperson, Vertrauensperson, Geschwister oder ein Netzwerk, welches mich zu dieser Zeit unterstützen konnte. Die meiste Zeit habe ich draußen verbracht und kam in eine Szene rein, in der unterschiedliche Substanzen konsumiert wurden, traf eine destruktive Entscheidung nach der anderen und konnte mich so wenig selbst schützen, dass ich eine traumatische Erfahrung nach der anderen gemacht habe.
Irgendwann gab meine Familie zu, was tatsächlich passiert war. Der Loyalitätskonflikt endete. Heute habe ich wieder Kontakt zu meinem leiblichen Vater und wir verstehen uns, doch wirklich Interesse an meinem Leben zeigt er nicht. Er hat nun seine eigene Familie und 3 weitere Kinder.
Als Erwachsene sehe ich heute alles anders und weiß, wie wichtig es nicht nur gewesen wäre, beide Eltern zu haben, sondern auch ein Netzwerk, welches mich als Kind begleitet und unterstützt hätte. Welches auch meine Mutter als Alleinerziehende unterstützt hätte. Seit Jahren verbringe ich meine Zeit damit, zu heilen, meine Glaubenssätze und alte Konditionen aufzulösen, Traumata zu bewältigen und einen Weg zu finden, wie ich endlich leben kann, statt nur zu überleben.
Ich möchte andere ehemals entfremdete Trennungskinder dazu animieren, mir ihre Geschichte zu senden, damit ich sie anonym hier einstellen kann.
Unsere-Kinder@gmx.org