Heute Morgen war ich wieder einmal als Beistand nach §12 FamFG für einen Vater an einem nordbadischen Familiengericht.
Was dann ablief, entspricht in vielfältiger Weise typischen Abläufen, die ich im Folgenden auch benennen und nummerieren werde.
Nimmt man auffällige Parameter der Mehrzahl der Fälle zusammen und projiziert sie auf einen Fall, kommt genau das zum Vorschein, was heute ablief.
Fallskizze
Eltern seit 10 Jahren verheiratet, seit 1 Jahr getrennt
Zwei Söhne, 9 und 4
Mutter arbeitet in einem Beruf mit Nachtarbeit
Wochenarbeitszeit der Mutter etwa doppelt so hoch wie beim Vater
Auffällige Standard-Parameter (ASP)
ASP 1 – Vater wird von der Mutter entsorgt
ASP 2 – Diametral gegensätzliche Grundhaltungen der Eltern
ASP 3 – Der Vater ist an allem schuld
ASP 4 – Umgangsboykott
ASP 5 – Subtile Bedienung der Interessen der Mutter durch das System
ASP 6 – Abläufe im System, die den Verlierer im Residenzmodell benachteiligen
ASP 7 – Die Destruktivität der Mutter wird nicht bestraft, sondern therapiert
ASP 8 – Nicht in die Tiefe dringen, oberflächlich bleiben
ASP 9 – Krasse Disbalance der Geschlechter zugunsten der Mutter
ASP 1 – Vater wird von der Mutter entsorgt
Trotz vorheriger umfassender Einbindung des Vaters in die Betreuung der beiden Kinder immer wieder der Versuch der Mutter, den Vater maximal von den Kindern abzugrenzen.
ASP 2 – Diametral gegensätzliche Grundhaltungen der Eltern
Betreuungspraxis zuletzt über familiengerichtlichen Vergleich, der einen Minimalkonsens der Mutter darstellt, für den Vater aber eine Mindestnorm bedeutet, die möglichst bald ausgeweitet werden muss.
ASP 3 – Der Vater ist an allem schuld
Diese Haltung des Vaters identifiziert die Mutter als Bruch der Vereinbarung und reagiert mit einer Beschuldungskaskade bis zum Vorwurf der Gewalt.
ASP 4 – Umgangsboykott
Dies nimmt sie zum Anlass, die väterliche Betreuung der Kinder einseitig auszusetzen.
ASP 5 – Subtile Bedienung der Interessen der Mutter durch das System – in Verbindung mit ASP 2
Der Vater stellt den Antrag, die familiengerichtliche Vereinbarung mit Ordnungsmitteln zu bewehren, was Kindern und Vater den verbleibenden Restkontakt sichern soll, aber trotzdem im vorherigen Verfahren unterlassen wurde.
Die Mutter reagiert mit Reduzierung des Vater-Kind-Kontaktes auf 2 Stunden wöchentlich.
ASP 6 – Abläufe im System, die den Verlierer im Residenzmodell benachteiligen
Vor der Verhandlung liegt außer dem Antrag und der Ladung NICHTS vor, keine Antragserwiderung, keine Stellungnahme des Jugendamtes und kein Bericht des Verfahrensbeistandes.
Der Vater muss also maximal uninformiert und flexibel in die Verhandlung gehen, obwohl er derjenige ist, der sich gegen Beschuldigungskaskaden der Mutter zur Wehr setzen muss und dessen Kontakt zu den Kindern marginalisiert werden soll.
Es dauert 45 Minuten, bis nach Verlautbarungen aller endlich auch der Vater zu Wort kommen kann.
Positive Signale
* Die Richterin erklärt unmissverständlich, dass sie die für die Mutter logische Konsequenz „Täter-Vater führt zur Kontaktminimierung“ nicht so sieht und dass dies für sie keine Lösung des Konfliktes darstellt.
* Die Verfahrensbeiständin setzt der Mutter entgegen, dass der 9-Jährige EINE Übernachtung durchaus haben will.
ASP 7 – Die Destruktivität der Mutter wird nicht bestraft, sondern therapiert
Das wars dann aber auch schon.
ALLE im Raum sehen den Elefanten:
Eine Mutter, die den personifizierten Anspruch auf die Inhabe von Verfügungsmacht und Deutungshoheit für sich beansprucht, was sie durch klare Einlassungen, Unterbrechungen von anderen und maximal definitive Begründungsstrukturen deutlich zelebriert.
Die Einzige, die das nicht erkennen kann, ist die Elefantin selbst.
Die Professionen können das zwar alle erkennen, aber niemand traut sich, es zu benennen.
Also musste ich das machen.
Schon in der Beratung redete der Berater lange auf die Mutter ein und sprach von gelingender Elternpartnerschaft nach der Trennung.
Die Mutter schaute immer wieder den Vater an, um diesem zu verdeutlichen „DU bist gemeint!“
Als sie erkennen musste, dass sie gemeint war, brach die Narzisstin die Beratung ab.
Die Richterin ging schon ziemlich früh von der rudimentären Erkenntnis der Problematik zur Problemlösung über.
Sowohl die Verfahrensbeiständin als auch ich waren aber der Überzeugung, dass dies nur dazu führen würde, dass wir uns sehr schnell wieder neu vor Gericht treffen würden.
ASP 8 – Nicht in die Tiefe dringen, oberflächlich bleiben
Das, was (fast) alle als symmetrischen Konflikt bezeichnen, ist KEIN solcher:
Es ist absolut evident, wer beschuldigt und wer sich gegen Beschuldigungseifer und Beschuldigungskaskaden wehren muss, wer Dominanz für sich beansprucht und wer beständig in die Defensive genötigt wird, wer die Kinder dem anderen entziehen will und wer den Kindern den Konakt zu beiden Eltern garantieren will.
Genauso böse ist nicht automatisch derjenige, der das Böse ablehnt!
Diese Konstellation ist typisch für eine asymmetrische Konfliktlage.
Dieselbe Oberflächlichkeit führt immer wieder dazu, dass einseitige Kommunikationsunwilligkeit zum Schutz der Mutter in eine beidseitige Kommunikationsunfähigkeit umdefiniert wird („Die Eltern streiten!“ – eine Lieblingszuweisung der Professionen).
Schließlich formuliert die Richterin eine Vereinbarung auf der Basis der alten Vereinbarung, die danach auch mit Ordnungsmitteln bewehrt werden kann.
Tenor:
Der Vater erhält etwas weniger Zeit mit den Kindern, dafür aber mit dem 9-Jährigen eine baldige erste Übernachtung.
Die Bedenken der Professionen zur Konflikteskalation sollen durch Übergaben über Kindergarten und Schule minimiert werden.
Weil die Mutter nicht einverstanden ist, geht ihre Anwältin mit ihr lange zur Besprechung vor die Tür.
Danach setzt sie ihre Duftmarken:
* Übernachtung nur, wenn das Kind das auch will (sie weiß sehr genau um ihre Manipulationsmacht)
* Die erste Übernachtung erst in 5 Wochen
* Abholung NUR bei ihr
Zur Therapie der Mutter weist die Richterin den ersten Punkt ab, gesteht ihr aber – gegen die anwesenden anderen Professionen – die weiteren Punkte zu (Bazar…).
ASP 9 – Krasse Disbalance der Geschlechter zugunsten der Mutter
Ich sollte nicht unerwähnt lassen, dass ohne mich der Vater 5 Frauen allein ausgeliefert gewesen wäre, eine Konstellation, die ich immer wieder auch als „Schlachtfeste“ erlebt habe.
Ich war heute dabei – und sooo schlimm wars nun auch wieder nicht, weil zumindest 2 von den 5 etwas moderat aufgestellt waren.
Das ist aber nicht immer so.