Der Verfahrensbeistand im Residenzmodell

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Der Verfahrensbeistand im Residenzmodell

  Unter der immer noch herrschenden Doktrin des „Residenzmodells“, in dem das Kind immer einem „kindesbesitzenden“ Elternteil zugewiesen wird und der zweite „abwesende“ Elt ...

 

Unter der immer noch herrschenden Doktrin des „Residenzmodells“, in dem das Kind immer einem „kindesbesitzenden“ Elternteil zugewiesen wird und der zweite „abwesende“ Elternteil weitgehend marginalisiert und für die alleinige Alimentierung missbraucht wird, ist die Aufgabe des Verfahrensbeistandes nach §158 FamFG immer wieder auch ein Kampf gegen die Windmühlenflügel einer politisch korrekten Vorgehensweise in der deutschen Familienrechtspraxis.

Es ist verpönt, die Dinge beim Namen zu nennen. Natürlich geben sich Elternteile mit „Hauptaufenthaltsort“ immer wieder auch als Besitzende des Kindes und verfügen selbstherrlich über alles, was das Kind betrifft. Und solange wir das Residenzmodell umzusetzen haben, wird eine solche Verhaltensweise auch weiterhin politisch und familienrechtspraktisch bedient und hofiert. Dazu gibt es Belege bis hoch zu Entscheidungen des BGH.

Der Verfahrensbeistand hat die Aufgabe, „Anwalt des Kindes“ zu sein. Und – darin sind sich alle einig – es ist ein Grundelement des Anspruchs eines jeden Kindes, nach einer Trennung der Eltern BEIDE Eltern behalten zu dürfen und von ihnen betreut zu werden. Solange eine solche Aussage aber immer noch begleitet sein muss von einem „Ja, ABER nur soweit, wie die egoistische Befindlichkeit des kindesbesitzenden Elternteils dies zulässt!“, ist der Verfahrensbeistand immer wieder auch nur Feigenblatt einer fehlgeleiteten Familienpolitik.

Damit ich nicht falsch verstanden werde:

Die Einführung des Instituts „Verfahrensbeistand“ mit dem FamFG im Jahr 2009 war richtig. Und ich erlebe Verfahrensbeistände immer wieder als hilfreich und wichtig.

Das ist auch nicht verwunderlich.

Was hat das Gericht als Grundlagen eines Meinungsbildes zur Verfügung?

– Zerstrittene Eltern, die zumindest partiell unzurechnungsfähig und nicht erziehungsfähig sind

– Fachanwälte, die den Elternkonflikt anfeuern und eskalieren, weil sie eben daran ganz gut verdienen

– das Kind, das immer völlig überfordert und meist vom kindesbesitzenden Elternteil instrumentalisiert ist

– die Stellungnahme des Jugendamtes, die nach kurzer Momentaufnahme mit den Eltern aus dem Schreibtischsessel heraus formuliert ist und meist die tatsächliche Situation nicht im Ansatz begreift

– vielleicht sogar ein Sachverständiger, der als Prof. Dr. Alleswisser jeden zu entscheidenden Blödsinn auch noch scheinwissenschaftlich begründet

Wenn dann ein Verfahrensbeistand als Einziger die Eltern und das Kind in ihrer ureigenen Umgebung erlebt hat und evtl. mit weiteren Personen aus der Umgebung des Kindes Kontakt aufgenommen hat, weiß dieser weit validere Fakten zu berichten als der gesamte fachjuristische oder sozialpädagogische Unsinn zulässt, dem immer wieder in den Verfahren begegnet werden muss.

Als Verfahrensbeistand muss ich mir in einem immer noch pervertierten System von Adelung des Kindesbesitzes immer bewusst sein, dass ich nur eine bessere von den schlechten Möglichkeiten anbieten kann.

Es sei denn, ich habe das Urbild einer Hausfrauenehe vor mir, in der sich die Mutter immer als Hüterin von Wohnung und Kind und der Vater als Alleinverdiener und Versorger verstanden hat und auch weiter so verstehen will.

Dann passt unser System und meine Aufgabe.

In einer Zeit, in der aber Eltern schon von sich aus – bei ausreichender Intelligenz und Vernunft – besser balanciertere Modelle leben und dem Gesetzgeber zeigen, was eigentlich seine Aufgabe zu sein hätte, muss der Verfahrensbeistand mit Beschränkungen leben und auch immer wieder mutig sein.

In allen Fällen, in denen Familiengerichte inzwischen in Deutschland ein Wechselmodell gegen den Wunsch eines Elternteils beschlossen haben, waren diese Beschlüsse durch das Votum von Jugendamt und Verfahrensbeistand vorbereitet.

Manchmal geht auch das Unmögliche.

Ist es aber Aufgabe der Professionen, der Politik zu zeigen, wo sie seit Jahren schlampt und auf die Eingebungen mächtiger Lobbygruppen hereinfällt?

Wir sind im Wahljahr 2017.

Nützen wir das!

 

Als Sohn des letzten Wagnermeisters im deutschen Südwesten 1948 geboren. Abitur nach 2 Kurzschuljahren 1966 - und damit mit dem Vorteil versehen, als geborener Handwerker und Bauer den Weg zu den Qualifikationen eines Akademikers beschritten zu haben. Studium an der PH Karlsruhe bis zum Realschullehrer mit Hauptfach Musik. Lehrer an den Realschulen in Rastatt, Baden-Baden, Karlsruhe-Durlach, Bretten, Pfinztal-Berghausen und wieder Baden-Baden. Pensioniert 2012. Höhlenforscher und Höhlentaucher seit den 70er Jahren mit internationalen Expeditionen und Neuforschungen. Musiker in den Sparten Tanzmusik, Folklore, Rock, Jazz und Musik des Mittelalters und der Renaissance auf verschiedenen Instrumenten (Tasteninstrumente, quintgestimmte Zupfinstrumente, Schlagzeug, Pauken u.a.) Inhaber des wohl umfassendsten Ensembles zur Geschichte des Wagnerhandwerks im deutschsprachigen Raum.