Der Beistand im familiengerichtlichen Verfahren

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Der Beistand im familiengerichtlichen Verfahren

Der Anstoß der Gruppengründung brachte nach einem Artikel in der hiesigen Tageszeitung einen Boom von Neufällen. Mit insgesamt 110 Neufällen in 13 Monaten waren wir in der ersten P ...

Einführungsreferat zum 2. Beistands-Seminar des VAfK Karlsruhe, Oktober 2009

 

Beratungsbedarf am Beispiel des VAfK Karlsruhe

Entwicklung der Neufall-Zahlen in den Jahren 2002 – 2009

Der Anstoß der Gruppengründung brachte nach einem Artikel in der hiesigen Tageszeitung einen Boom von Neufällen. Mit insgesamt 110 Neufällen in 13 Monaten waren wir in der ersten Phase hoch belastet. Außerdem waren wir bezüglich unserer Infrastruktur noch nicht perfekt organisiert.

Im Jahr 2003 sank dann die Zahl der Neufälle auf etwa die Hälfte.

Die Folgejahre brauchten dann den stetigen Zuwachs, der unsere Arbeit bestimmt.

Im Jahr 2006 nahmen 110 Neufälle unsere Beratung wahr, davon 5 Frauen (4,5%).

Im Jahr 2007 meldeten sich beim VAfK Karlsruhe (nach möglichst vollständiger Listung) 121 Neufälle, davon 10 Frauen (8,2%).

Die Monate mit den höchsten Neufallzahlen waren Januar (als Folge von Weihnachten) und die Sommermonate Juli bis September (Ferienzeit).

Im Jahr 2008 listete ich 135 Neufälle, davon 12 Frauen (8,9%).

Auch hier waren es die Monate Dezember und Januar sowie die Sommermonate.

Eine zusätzliche Spitze war im April, die aber evtl. darin begründet sein könnte, dass ich mich in den Ferienzeiten noch intensiver um die Belange des VAfK kümmere.

In 2009 hatten wir einen input von bisher 147 Neufällen, davon 22 Frauen (15%).

Die Dominanzen liegen in den selben Monaten wie in den Vorjahren, wobei die vielen Publikationen um den Film „Der Entsorgte Vater“ aber wohl zu einer Verstärkung im Juni geführt haben könnten.

Bei Hochrechnung auf Grund der bisher gemachten Erfahrungen ist zu erwarten, dass wir in diesem Jahr insgesamt auf mindestens 170 Neufälle kommen werden mit einem etwa bei 15% liegenden Anteil von Frauen.

Neufallzahlen

Bis 2002         2003    2004    2005    2006    2007    2008    2009       Jahr

110           51        78        92        110      121      135      >170       Neufälle

4          2          2          3          5          10        12        >25         Anteil Frauen

Neufallzahlen Neufallzahlen+Frauen

 

 

Entwicklung der Mitgliederzahlen im selben Zeitraum

2007    2008    2009

110      146      170

Wir sind nach 8 Jahren in der Situation, dass die Anzahl der Mitglieder die Zahl der jährlichen Neufälle eingeholt hat.

Im langjährigen Mittel beraten wir etwa 6-7 Neufälle, um ein Mitglied bei uns begrüßen zu können.

Neufaelle+Mitgliederzahl

 

Beratungsaufwand als Folge einer Erstberatung

Zunächst einige Worte zur Behandlung von Neuzugängen

Ich habe die ersten 84 Neufälle im ersten Halbjahr dieses Jahres näher untersucht.

Eine wesentliche Komponente einer geglückten Betreuung ist die möglichst zeitnahe Annahme einer Beratungsanforderung.

Von den untersuchten 84 Neufällen konnten zu 4 keine Aussagen gemacht werden, weil es sich z.B. um Fälle handelte, die aus einer anderen Gruppe für eine spezielle Anfrage an mich weiter gereicht wurden.

Von den damit für die Untersuchung zur Verfügung stehenden 80 Fällen wurden

– 52 ohne Wartezeit noch am selben Tag mit einem umfangreichen Informationspaket bedient
– 12 erhielten das Infopaket am nächsten Tag
– 4 mussten 2 Tage
– 2 mussten 3 Tage und
– jeweils Person musste 6 bzw. 8 Tage warten.

Da es natürlich auch möglich ist, dass ich mir einmal etwas Urlaub gönne, gab es auch Verzögerungen:

– 2 Personen bekamen das Infopaket erst nach 13 Tagen und

– je 1 Person nach 14, 15 und 18 Tagen.

Die restlichen 3 Fälle entwickelten sich zu Problemfällen, weil sie bei ihrer Meldung beim Bund dort im Spamordner landeten:

– 1 musste 90 Tage und
– 2 mussten bis zu 120 Tagen warten.

Das sind aber wirklich die absoluten Ausnahmefälle.

Insgesamt kann man feststellen, dass ich versuche, einen hohen Anspruch zu verwirklichen:

85% der Neufälle werden innerhalb von zwei Tagen bedient, davon 65% noch am selben Tag.

Das ist sicher ein wesentlicher Grund für die Performance, die unsere Gruppe in den letzten Jahren zeigt.

Wartezeit

Beratungsaufwand

Von den 84 Neufällen in der ersten Jahreshälfte 2009 waren 56 mit einer Erstberatung zufrieden.
11 Personen wurden zeitweilig beraten
10 werden immer noch und immer wieder beraten und
7 bedürfen einer Intensivbetreuung.
Diese gut 8% bilden auch diejenigen Fälle, die den Pool für Beistandschaften ausmachen.

Beratungsaufwand

 

Hilfe bei Schriftsätzen

Die erste intensivere Hilfe, die wir anbieten, ist die Hilfe bei Schriftsätzen.

Als Grundregel gilt:

Ein Betroffener ist in Familienangelegenheiten meist der schlechteste Anwalt in eigener Sache.

Die hohe emotionale Betroffenheit in einer Angelegenheit von existenzieller Bedeutung – und zwar existenziell in allen Bereichen: sozial, ökonomisch, psychisch und physisch – sorgt für diese tiefe Emotionalisierung, die jeden sachgemäßen Überblick verhindert, jede kühle Beobachtung und Analyse unmöglich macht und die Einschätzung des eigenen Verhaltens und dessen Wirkung zur Utopie werden lässt.

Wir raten deshalb allen Hilfesuchenden dringend, keine Schriftsätze ohne eine Kontrolle von außen abzusenden.

In der Situation, in der Hilfesuchende zu uns kommen, ist jeder Schriftsatz eine potenzielle Vorlage beim Jugendamt oder bei Gericht, wird also eventuell vom Betroffenen oder der Gegenseite ins Verfahren eingeführt.

Daraus folgt, dass jeder Schriftsatz zur Werbung in eigener Sache werden zum.

Dies ist nur in seltenen Ausnahmefällen von Betroffen allein zu bewältigen.

Welche Schriftsätze stehen an:

  • Briefe an den andern Elternteil
  • Vorlagen für Vereinbarungen
  • Schreiben an die Schule oder an den Kindergarten
  • Schreiben an Rechtsanwälte
  • Schreiben an Beratungsstellen, Verfahrenspflegschaften oder Gutachter
  • Anträge oder Antragserwiderungen
  • Stellungnahmen zu Anträgen auf PKH oder auch Stellungnahmen zu Gutachten

Damit ist nur das Spektrum der Möglichkeiten aufgezeigt ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Für alle diese Schriftsätze gilt:

  • Was will ich erreichen?
  • Wie wirke ich mit dem, was ich schreibe, auf meinen Adressaten?
  • Welche Darstellung ist für mein Ziel zweckmäßig?

Jede Emotionalisierung wird dieses nüchterne taktische Konzept unmöglich machen.

Hinzu kommt die Notwendigkeit, für einige Fälle die Spielregeln zu kennen:

Die Formulierung eines Antrages ans Familiengericht muss z.B. so gefasst sein, dass ich die Muster bedienen kann, die ein Richter erwartet und gewohnt ist.

Nur im günstigsten Fall liest der Richter direkt vor der Verhandlung die möglichen 5 – 10 Seiten eines Antrages. Meist muss er mit einem Blick erfassen können, was der Antragsteller wünscht und muss sich mit demselben Blick einen Überblick verschaffen können über die Personen, die vor ihm sitzen.

Wenn ein Antrag in 5 Seiten Prosa versteckt ist, wird selbst der ruhigste Richter ungeduldig und wenn er das Alter der vor ihm Sitzenden Parteien nach Augenschein abschätzen muss, ist das ebenfalls nicht hilfreich.

Es geht also darum, die formalen Regeln zu kennen, die einen Antrag sinnvoll machen und die mich dem Gericht gegenüber als kompetent und damit als möglichen Gesprächspartner darstellen.

 

Anforderung als Beistand beim Jugendamt und beim Familiengericht am Beispiel des VAfK Karlsruhe

 

Entwicklung der Beistandsfälle beim Jugendamt in den Jahren 2007 – 2009

 

2007

10.01.2007
Beistand beim JA Ka
04.04.2007
Beistand beim JA Ka-Land, Amtsleiter, Akteneinsicht
12.04.2007
Beistand am JA Bruchsal
30.08.2007
Beistand beim JA West Karlsruhe

2008

17.03.2008
Beistand am JA Frankfurt Höchst, Akteneinsicht
08.05.2008
Beistand beim JA West Karlsruhe
29.05.2008
Beistand am JA Pforzheim
14.08.2008
Beistand beim JA Frankfurt

2009

25.02.2009
Beistand beim JA Rastatt (Dreier-Gespräch mit KM)

 

Entwicklung meiner ersten Beistandsfälle beim Familiengericht in den Jahren 2007 – 2009

2007

9 Termine

21.02.2007
Beistand am AG Calw
27.02.2007
Beistand am OLG Karlsruhe
16.03.2007
Beistand am AG Karlsruhe
26.07.2007
Beistand am AG Karlsruhe
16.08.2007
Beistand am AG Ludwigshafen
03.09.2007
Beistand am AG Karlsruhe, Scheidungstermin
02.10.2007
Beistand am AG Bretten, Unterlassung
26.11.2007
Beistand für Bernd H., AG Karlsruhe
20.12.2007
Beistand am AG Ludwigshafen

 

2008

5 Termine

12.02.2008
Beistand am AG Ettlingen
11.03.2008
Beistand am AG Pforzheim
17.03.2008
Beistand am AG Darmstadt (Zivilverfahren: Unterlassungsanspruch)
24.07.2008
Beistand am AG Ettlingen
11.08.2008
Beistand am AG Ettlingen

2009

7 Termine

12.02.2009
Güteverhandlung beim AG Bretten
03.06.2009
Beistand beim AG Rastatt
02.07.2009
Beistand beim AG Bruchsal
24.07.2009
Beistand beim AG Landau
03.08.2009
Beistand beim AG Osnabrück
04.08.2009
Beistand beim AG Pforzheim
17.09.2009
Beistand beim AG Kandel

 

Sonstige Beistands-Termine

24.04.2007
Beistand bei Kripo Bruchsal
07.05.2007
Beistand bei Polizei Ka-Durlach

 

Als Sohn des letzten Wagnermeisters im deutschen Südwesten 1948 geboren. Abitur nach 2 Kurzschuljahren 1966 - und damit mit dem Vorteil versehen, als geborener Handwerker und Bauer den Weg zu den Qualifikationen eines Akademikers beschritten zu haben. Studium an der PH Karlsruhe bis zum Realschullehrer mit Hauptfach Musik. Lehrer an den Realschulen in Rastatt, Baden-Baden, Karlsruhe-Durlach, Bretten, Pfinztal-Berghausen und wieder Baden-Baden. Pensioniert 2012. Höhlenforscher und Höhlentaucher seit den 70er Jahren mit internationalen Expeditionen und Neuforschungen. Musiker in den Sparten Tanzmusik, Folklore, Rock, Jazz und Musik des Mittelalters und der Renaissance auf verschiedenen Instrumenten (Tasteninstrumente, quintgestimmte Zupfinstrumente, Schlagzeug, Pauken u.a.) Inhaber des wohl umfassendsten Ensembles zur Geschichte des Wagnerhandwerks im deutschsprachigen Raum.